Es gibt keine allgemeingültige Mindestzahl an Spermien, die bei einer Hodenbiopsie oder testikulären Spermiengewinnung gefunden werden muss, damit der Eingriff als erfolgreich gilt. Wie viele Spermien benötigt werden, hängt vom Grund der Spermiengewinnung, von der Anzahl der vorhandenen reifen Eizellen und vor allem davon ab, ob lebensfähige Spermien gefunden werden, die für eine ICSI verwendet werden können.
Bei der ICSI wird jeweils ein einzelnes Spermium direkt in eine reife Eizelle eingebracht. Rein technisch benötigt man deshalb mindestens ein geeignetes Spermium für jede Eizelle, die mikroinjiziert werden soll. In der klinischen Praxis ist es jedoch wünschenswert, mehr Spermien zur Verfügung zu haben. Dadurch kann das embryologische Labor unter den vorhandenen Zellen eine Auswahl treffen, eine Sicherheitsreserve einplanen und gegebenenfalls einen Teil der Probe für einen späteren Behandlungsversuch kryokonservieren.

Die zu erwartende Spermienmenge unterscheidet sich deutlich zwischen obstruktiver und nicht-obstruktiver Azoospermie. Bei einer obstruktiven Azoospermie findet im Hoden grundsätzlich eine Spermienproduktion statt; die Spermien können wegen eines Verschlusses oder einer anatomischen Veränderung lediglich nicht in das Ejakulat gelangen. In dieser Situation ist die Wahrscheinlichkeit, eine ausreichende Zahl von Spermien zu gewinnen, häufig günstiger.
Bei einer nicht-obstruktiven Azoospermie liegt dagegen eine Störung der Spermienproduktion selbst vor. Die Spermatogenese kann nur noch in kleinen und unregelmäßig verteilten Bereichen des Hodens vorhanden sein. Entsprechend können manchmal nur sehr wenige Spermien gefunden werden. In solchen Fällen kann bereits eine geringe Zahl lebensfähiger Spermien klinisch relevant sein.
Bei Männern mit nicht-obstruktiver Azoospermie kann eine mikrochirurgische testikuläre Spermienextraktion, die sogenannte Micro-TESE, eingesetzt werden. Dabei werden unter mikroskopischer Vergrößerung gezielt die Bereiche des Hodengewebes untersucht, in denen die Wahrscheinlichkeit einer erhaltenen Spermatogenese am größten erscheint.
Entscheidend ist deshalb nicht allein die Zahl der gewonnenen Spermien. Das embryologische Labor beurteilt zusätzlich ihre Vitalität, gegebenenfalls ihre Beweglichkeit und Morphologie sowie die Möglichkeit, die Probe aufzubereiten oder einzufrieren. Auch die Anzahl der verfügbaren reifen Eizellen spielt bei der Planung eine wesentliche Rolle.
Zusammenfassend sollte der Erfolg einer testikulären Spermiengewinnung nicht ausschließlich anhand einer bestimmten Spermienzahl bewertet werden. Entscheidend ist, genügend lebensfähige und für die ICSI geeignete Spermien für die vorhandenen Eizellen zu gewinnen. Eine sorgfältige Abstimmung zwischen Andrologie, Reproduktionsmedizin und Embryologielabor hilft dabei, den Eingriff realistisch zu planen und, wenn möglich, zusätzlich Spermien für spätere Behandlungsversuche zu konservieren.
